Von 1862 bis 2002
Gab es vor 1862 in Rottenbuch kein Musikleben? Möchte man meinen, aber weit gefehlt. Bis zur Klosteraufhebung (Säkularisation) 1803 war Rottenbuch eine bedeutende Stätte der Musik. Der Lehrer Rochus Dedler, ein ehemaliger Klosterschüler und Komponist der Musik für die Oberammergauer Passionsspiele, schrieb damals: "Und mochten die Klöster verschwunden sein, das Erbe ihrer Musikkultur lag wie ein letztes Leuchten über dem Voralpenland, nicht klassisch groß, nicht himmelstürmend, aber verklärt von einem bäuerlichen Rokoko - Schimmer".
1. Juni 1862: Xaver Berger
(der Urgroßvater von unserem Ehrendirigenten Karl Echtler) vom Solder, einem Ortsteil von
Rottenbuch, war damals 29 Jahre alt. Er schreibt: Als ich im Jahre 1861, nach
6-jähriger Militärzeit nach Rottenbuch heimkehrte, fand ich die Musik und den Chorgesang
auf sehr niedriger Stufe. Die meisten Musiker und Sänger waren schon im vorgerückten
Alter und ohne Dirigent. Nachdem ich jüngere Kräfte gewinnen konnte und mir mein alter
Freund Michael Erhardt von Bayersoien mit Noten schreiben behilflich war, konnten wir uns
schon bald hören lassen. Von Musikfreunden erhielten wir Beifall, von Gegnern aber das
Prädikat Bettelmusik. Trotz allem fassten wir im Juni 1862 den Entschluss, einen
Musikverein zu gründen, mit dem Zwecke: Bildung und Hebung der Instrumentalmusik und des
Chorgesanges auf kirchlichem und profanem Gebiet." Die Zahl der Gründungsmitglieder
war 17 Mann und Xaver Berger wurde Vorstand und Dirigent.
Der kleine Verein entwickelte in der folgenden Zeit eine rege Tätigkeit. Überall wurde er begehrt, in der näheren und weiteren Umgebung. So in den Amtsbezirken Buchloe, Füssen, Garmisch, Landsberg, Tölz, Weilheim und Schongau. Bei den damaligen Verkehrsverhältnissen mussten die Musiker entweder mit dem Fuhrwerk oder zu Fuß reisen. Deshalb waren die Musiker öfter 3 Tage unterwegs.
Nach Aufzeichnungen von Xaver Berger verdiente damals ein Musiker bei einer
guten Hochzeit 20 - 25 Mark. Das war sehr viel Geld, trotzdem ist kein Musiker reich
geworden.
Im Jahre 1865 wäre beinahe ein großes Unglück passiert. Hierzu Xaver Berger
anlässlich seiner Festrede zum 50. Gründungsjubiläum im November 1912:
Nicht vergessen kann ich einen Unglücksfall, den wir am 17. April 1865
(Osterdienstag) bei einem Ausflug mit Musik nach Apfeldorf erlitten hatten. Wir wollten
den Saltauerweg über Kinsau nach Schongau machen, mussten daher per Schiff uns über den
Lech fahren lassen. Durch die Unkundigkeit des Führers (Wirtsmetzger von Apfeldorf)
kippte das Fahrzeug und drei Musiker mit dem Hausknecht und dem Führer schwammen im
hochgehenden Lechfluss. Durch Beihilfe der am Ufer noch wartenden Musiker, sowie Passanten
von Apfeldorf war noch Rettung unter Gottes Hilfe möglich, wodurch die Schwimmenden samt
den Instrumenten und Notenbüchern gerettet wurden.
Am 15. Juni 1902 feierte die Musikkapelle das 40-jährige Gründungsfest. Der
Saal des Hornerischen Gasthauses (zum Koch) war viel zu klein für die vielen Besucher.
Ansprachen hielten Bürgermeister Utschneider sowie Pfarrer Graßl von Rottenbuch. Als
Ehrengäste waren anwesend: Dekan Baderhuber aus Wildsteig, Pfarrer Bauer aus Bayersoien
und Expositus Winter aus Schönberg, sowie die gesamte Lehrerschaft dieser Orte.
Dirigent Xaver Berger, damals 69 Jahre alt, hatte ein Programm zusammengestellt,
das die Zuhörer begeistert aufnahmen. Märsche, Walzer und Ouvertüren sowie Solis wurden
gespielt. Die Musiker wechselten sogar die Instrumente und seine Blasmusik wurde zur
Streichmusik.
10 Jahre später am 21.11.1912 feierte die Musikkapelle im selben Gasthaus das
50-jährige Gründungsfest. Musikmeister Xaver Berger, nun 79 Jahre, eröffnete das
Konzert mit der Lustspielouvertüre von Kela-Bela und dem König Ludwig Marsch von
Seifert. Nach dem 1. Teil des Programms hielt das Vereinsmitglied Heinrich Demmel
(Großvater des jetzigen Heinrich Demmel geb. 1924) eine berühmte Ansprache. Ein kurzer
Ausschnitt zeigt die blumenreiche Sprache der damaligen Zeit:
Wenn einer seinen Geburtstag feiert, so wird er von allen Freunden und Bekannten
beglückwünscht und unwillkürlich denkt der Gefeierte zurück an die Vergangenheit und
mit einem Blick vorwärts in die Zukunft. Unser Geburtstagskind ist zwar kein lebendes
Kindlein in der engen Wiege, kein Jüngling, dem die süße Hoffnung sein Herz höher
schlagen läßt, ein Mann ist es, mit strotzender Kraft und regem Arbeitseifer, ein Mann,
der 50 Jahre von sich sagen konnte: Ich bin fest gestanden trotz aller Mißtöne und
Disharmonien, ich habe mich erhalten, 50 Jahre lang und heute noch stehe ich und heute
scheint es, daß ich mich noch recht lange des Daseins erfreuen darf."
Bürgermeister von Rottenbuch war ab 1905 - 1919 der damalige Pfistermüller
Martin Niklas.
Im Jahre 1913 starb der Musikmeister Xaver Berger im Alter von 80 Jahren. 51
Jahre war er Dirigent, eine Leistung, die nicht so leicht wiederholbar sein wird. Sein
Sohn, Karl Berger, damals 49 Jahre alt, übernahm nun die Leitung der Musikkapelle. Karl
Berger ist der Großvater von Karl Echtler.
1914 - 1918 dauert der schreckliche erste Weltkrieg. Hauptaufgabe der in der
Heimat verbliebenen Musiker waren die Gefallenenehrungen der vielen Gefallenen von
Rottenbuch. Trauermärsche und das Lied vom guten Kameraden schallte immer wieder durch
den Klosterhof.
Nach Beendigung des 1. Weltkrieges wurde der Musikmeister Karl Berger dann von
den Rottenbuchern zum 1. Bürgermeister gewählt. Dieses Amt bekleidete er 18 Jahre lang
bis 1937. Neben dem Bürgermeisteramt war er noch Musikmeister bis zum Jahre 1926. Pfarrer
Kraus war zu dieser Zeit für das Seelenheil der Rottenbucher Bürgerinnen und Bürger
zuständig. Rottenbuch hatte damals etwa 800 Einwohner.
Ab dem Jahre 1926 begann musikalisch eine große Wende. Der Lehrer Witt
gründete eine Kapelle, die bald 35 Musiker stark war. Eine Seltenheit auf einem Dorf,
denn bisher war die Musikkapelle etwa 9 - 12 Mann stark. Lehrer Witt schrieb die Noten so,
daß die guten Musiker (etwa 10 - 12 ) alles Schwierige zu spielen hatten und den anderen
Musikern setzte er sogenannte Pfundnoten ein. Erste Spielerei war am 1. Mai 1927 zum
Maibaumaufstellen in Rottenbuch. Auswärtige Konzerte waren unter anderem in Uffing und
Lechbruck. Als Bezahlung gab es Bier und eine Brotzeit. Die Anreise erfolgte jeweils mit
dem Fahrrad. Bereits im November 1928 kam es zur Auflösung der Kapelle Witt wegen
schwerer Streitigkeiten, besonders ging es da um die Abzahlung der gekauften Instrumente.
Als letztes spielten sie noch gemeinsam den Marsch "Vereinsschwur", dann
zerbrach Lehrer Witt vor den Augen des Publikums seinen Taktstock.
Der neue Dirigent, Hans Fichtl von der Post in Rottenbuch, versuchte nun mit
etwa 12 Musikern, die örtlichen Veranstaltungen musikalisch zu gestalten. Das gelang ihm
sehr gut, denn es waren gute Musiker, die ihn dabei unterstützten. Während der
Hitlerzeit wurde die Kapelle zu Aufmärschen und sog. Flaggenparaden verpflichtet.
Der bisherige Bürgermeister Karl Berger mußte auf Anordnung der Kreisleitung
sein Amt zu Verfügung stellen, als Grund wurde das Alter (73 Jahre) genannt. So kam es,
daß 1937 wieder ein Musikmeister zum Bürgermeister gewählt wurde. Hans Fichtl,
Posthalter von Rottenbuch. Musik und Gemeinde leitete er bis zu seinem Einrücken im Jahre
1943. Er ist leider nicht mehr aus dem Krieg zurückgekehrt.
1931 erhielt Rottenbuch den berühmten Pfarrer Andreas Schmidhuber, einen sehr
barocken und musikalischen Geistlichen, der oft auf dem Kirchenchor dirigierte, wenn
gerade ein Aushilfspfarrer den Messdienst verrichten konnte. 1937 wollten die Musiker
wieder das sog. Neujahranblasen beginnen. Angefangen wurde beim Bräuhaus, jetzt Heim
Maria Auxilium. Nach 5 Häusern kam der Pfarrhof an die Reihe. Nachdem die Musiker einen
Marsch gespielt hatten, erschien Pfarrer Schmidhuber an der Haustüre mit den Worten:
Damit war das Neujahranblasen beendet und wurde erst nach dem 2. Weltkrieg
wieder angefangen.
Der 2. Weltkrieg forderte wieder große Opfer unter den Rottenbucher Soldaten.
Über 40 mal mussten die Musiker zur letzten Ehre spielen. Nachdem der Bürgermeister und
Dirigent Hans Fichtl 1943 einrücken musste, übernahm Fridolin Angerer das Amt des
Musikmeisters. Anfang Mai 1945 rückten die amerikanischen Soldaten in Rottenbuch ein. Ein
Teil der Instrumente wurde zerstört oder entwendet. Das Vereinsleben begann sich nur
langsam wieder zu regen, so, wie es die Militärregierung gestattete. Auch musikalisch
sollte es wieder losgehen. Thomas Geiger vom Moos versuchte mit Energie etwas zu
organisieren. Er schaffte es, 9 Mann dafür zu begeistern und mit dem Proben wieder zu
beginnen. Die Instrumente wurden in der Werkstätte Schöpf in München hergerichtet, die
Bezahlung erfolgte in Naturalien, hauptsächlich Fleisch und Butter. Der jetzige
Ehrendirigent, Karl Echtler, transportierte die Lebensmittel nach München. Das war gar
nicht ungefährlich, denn an den Bahnhöfen wurden viele Kontrollen wegen der
Schwarzhändler abgehalten.
Die Musiker der ersten Stunde waren: Thomas Geiger, Georg Strobl, Jakob Demmel,
Alex Uhl, Gabriel Heiland, Erich Eiler, Erich Streif, Michael Noll und Karl Echtler. Im
Herbst 1946 begannen die Proben beim Schmidenbauer in der Stube. Der gestrenge Lehrmeister
war der ehemalige Militärmusiker Josef Eisenschmid aus Peißenberg. Er erhielt bald den
Namen Butterschmid", denn die Schüler mußten zur Probe ein viertel Pfund
Butter mitbringen. Ein Jahr später konnte die Kapelle bereits zur Hochzeit von Thomas
Geiger aufspielen. Die wenigen Stücke, die man bis dahin erlernt hatte, wurden eben immer
wiederholt.
Als Glücksfall für den weiteren Aufbau der Musikkapelle erwies sich der Zuzug
von Rudolf Ludwig im Jahr 1947. Ludwig war Berufsmusiker und ein ganz ausgezeichneter
Flügelhornist. Er kam aus dem Sudetenland und hatte die musikalische Ausbildung beim
damaligen Reichsarbeitsdienst erhalten. Fridolin Angerer überlies Herrn Ludwig weitgehend
die Proben und bald auch die Leitung der Kapelle. Die Auswahl der Musikstücke, Märsche,
Walzer, Polkas und viele Konzertstücke beruhte auf der langjährigen Erfahrung von
Dirigent Ludwig.
Die 15 - 18 Mann starke Kapelle hatte sich schnell einen guten Ruf erspielt, und
beim Musikfest in Peiting 1960 erzielte die Kapelle Ludwig, wie sie häufig bezeichnet
wurde, bereits einen 1. Rang mit Auszeichnung.
Aus Aufzeichnungen aus dieser Zeit ist zu lesen:
Ludwig versäumte es allerdings, Nachwuchs auszubilden und so kam es während
einer Probe zum Krach und die Musik hörte einfach auf. Das war 1970 im Frühjahr. Der
Gemeinderat mußte sich mit der Sache befassen und im Beschlußbuch vom 18.3.1970 steht
folgendes:
Die Auswirkungen, wenn ein Dorf ohne Musikkapelle ist, zeigten sich sehr bald:
zu den Beerdigungen mußten Musiker aus Böbing oder Schönberg geholt werden. Die Vereine
mußten bei Festzügen ohne Musik mitmarschieren, bei der Fronleichnamsprozession war nur
mehr Gebet und Gesang zu hören. Alles war nicht mehr so feierlich wie sonst. Den
Rottenbuchern wurde aber auch bewußt, daß das Bestehen einer Kapelle keineswegs so
selbstverständlich ist, wie man bisher immer angenommen hatte. Und es entstand ein neues
Bewusstsein darüber, wie wichtig eine Kapelle für ein Dorf ist.
Bei der Geistlichkeit folgte ein Wechsel: Pfarrer Forstmeier ging nach 19 Jahren
wieder nach Oberammergau und bei uns wurde im Herbst 1970 Pfarrer Walter Kronast
installiert. Sollte zu dieser Feier keine Musik spielen? Karl Echtler brachte die Musiker
mit viel Überredungskunst nochmals soweit, "die Ehre Gottes" und 2
Prozessionsmärsche zu spielen. Dann war wieder Feierabend mit der Musik.
Weitere Kandidaten meldeten sich bei der Gemeinde, unter anderem Musikmeister
Baarfüser aus Peißenberg. Dieser fing dann mit 22 jungen Schülern im Turnsaal der
Schule zu üben an, nachdem die Gemeinde auch Instrumente erworben hatte. In einem
weiteren Gemeinderatsbeschluß vom 18.09.1972 heißt es: Herr Karl Echtler wird
ersucht, die Proben mit den jungen und ehemaligen Musikern zu übernehmen.
Das war dann der Beginn der Tätigkeit von Karl Echtler, die über 20
erfolgreiche Jahre dauern sollte.
Karl Echtler hatte bei der Kapelle Tenorhorn oder Bariton gespielt. Nun als
Dirigent war es eine ganz neue Aufgabe und Herausforderung für ihn. Einige Kollegen aus
der ehemaligen Kapelle Ludwig verstärkten zunächst das sehr junge Orchester, etliche
waren die Väter der jungen Musiker.
Schon bald konnten wir wieder alle Feste in und um Rottenbuch selbst musikalisch
umrahmen. Von Faschingsbällen und Festzügen des Trachtenvereins über Heimatabende und
Standkonzerte bis hin zu Hochzeiten und Beerdigungen reicht unser Einsatzgebiet. Auch
Ständchen zu Geburts- und Hochzeitstagen gehören dazu. Besonders hervorzuheben sind die
jährlichen Gartenfeste Anfang August, der Leonhardiritt und der Veteranenjahrtag im
November und das Weihnachtskonzert am 2. Weihnachtsfeiertag. Den feuchtfröhlichen
Jahresabschluss bildet das Neujahranblasen, bei dem die Kapelle mehrere Tage lang in
Gruppen von Haus zu Haus geht und der Bevölkerung von Rottenbuch mit einem Marsch
Ein gutes neues Jahr wünscht.
In der Jahreshauptversammlung am 8. Januar 1981 wurde einstimmig beschlossen,
dem Musikbund von Ober- und Niederbayern beizutreten. Am Musikfest und dem dazu gehörigen
Wertungsspiel hatten wir bereits ein Jahr zuvor in Peiting teilgenommen. Wir erreichten
dort auf Anhieb in der Mittelstufe einen ersten Rang mit Belobigung. 1983 in Böbing
reichte es dann zum ersten mal sogar zu einem ersten Rang mit Auszeichnung, die Freude
darüber war natürlich riesengroß! Im gleichen Jahr hatten auch die ersten Jungmusiker
das Leistungsabzeichen in Bronze abgelegt.
Am 18. März 1984 wurde unser Dirigent, Karl Echtler, zum Bürgermeister von
Rottenbuch gewählt. Anscheinend muss es in Rottenbuch so sein, dass der Dirigent auch
Bürgermeister ist. Im selben Jahr wurde uns die Pro-Musika-Plakette für
über 120-jährigen unermüdlichen Einsatz für die Belange der Musik überreicht. Das ist
die höchste, deutsche Auszeichnung, die an Laienspielgruppen vergeben wird.
Im September 1984 bewirteten wir zum ersten mal zusammen mit dem Trachtenverein
den Rottenbucher Fohlenmarkt, den größten Kaltblutfohlenmarkt Deutschlands. Zu diesem
Zweck werden Würstchenbuden und ein Bierzelt aufgestellt, damit die zahlreichen Besucher
weder Hunger noch Durst leiden müssen. Nach der Versteigerung spielt die Kapelle dann
noch im Zelt zur Unterhaltung auf. Die Bewirtung des Fohlenmarktes ist inzwischen zu einer
Institution geworden, die aus dem Jahresablauf nicht mehr wegzudenken ist.
Am 2.Weihnachts-Feiertag 1992 feierte die Musikkapelle ihr 130-jähriges
Bestehen mit einem Weihnachtkonzert im Fohlenhofsaal. Der bis auf den letzten Platz
besetzte Saal bot einen schönen Rahmen für die feierliche Taktstock-Übergabe von Karl
Echtler an seinen jungen Nachfolger Thomas Eiler. 1. Vorstand Christof Echtler würdigte
die großen Verdienste seines Vaters und ernannte ihn zum Ehrendirigenten, Hans Fickler
überreicht ihm im Namen des Musikbezirks Oberland die silberne Verdienstnadel für
22-jährige Dirigenten-Tätigkeit.
Die Musikkapelle ging immer schon gerne auf Reisen. Die Kapelle Ludwig hatte
gern Kirchheim am Neckar als Ziel und wenn man ehemalige Musiker über die damaligen
Ausflüge befragt, bekommen sie heute noch ganz leuchtende Augen und ein verschmitztes
Lächeln huscht über ihr Gesicht. Dann hört man nette Anekdoten, wie z. B. es standen
nicht genug Betten für alle Musiker zur Verfügung. Das war aber überhaupt kein Problem,
denn die neun Musiker haben von den fünf Betten nur zwei benutzt. Oder zwei Musiker haben
ihre Vorliebe für Schnaps entdeckt. Der eine sagte: Mir macht er nichts und
der andere stellte fest: und I mog´n gern. Beide hatten aber Räusche, die
sich Sie schrieben. Und dann war da auch noch der Posaunist, der beim großen
Festzug aus unerklärlichen Gründen nach rechts in den Straßengraben geriet und dort
einfach weiter marschierte. Auf der Heimfahrt fragte er dann einen Kollegen: Du, was
war das eigentlich für ein Fest? (Auflösung: Jubiläum des Akkordeonvereins
Kirchheim)
Auch in den Siebzigern und Anfang der Achtziger Jahre besuchte die Kapelle
etliche Orte in Deutschland, wie Stimpfach, Memmelsdorf oder Gosheim. Das sollte sich aber
bald ändern, denn im Sommer 1982 war zum ersten mal das Blue Lake Fine Arts Camp zu Gast
in Rottenbuch. Das Blue Lake Camp ist eine amerikanische Organisation, die sich zur
Aufgabe gemacht hat, die Schönen Künste zu pflegen. Dazu zählt neben Malerei und dem
Theater natürlich die Musik in all ihrer Vielfalt. Das Camp hat die Ammermühle in
Rottenbuch als Unterkunft ausgewählt, um mit ca. 100 jungen Musikern und Sängern aus
aller Herren Länder für die bevorstehende Europatournee zu üben. Den Abschluss der
Probenarbeit bildete dann ein gemeinsames Konzert von Blue Lake und unserer Musikkapelle,
bei dem zunächst jeder seine geprobten Stücke vortrug, aber schon bald lösten sich die
Formationen auf, und es wurde ein großes, gemeinsames Musizieren zur Freude aller
Beteiligten und Zuhörer. Dieses gemeinsame Konzert wiederholte sich dann jedes Jahr, wir
haben richtige Freundschaften zu den Musikern aus aller Welt und vor allem zu den Lehrern
aus USA geschlossen, und so wurden wir bald zu einem Gegenbesuch nach Amerika eingeladen,
den wir gerne annahmen.
Am 12. September 1985 war es soweit, 21 Musiker und 14 Begleiter(innen)
starteten zum größten Abenteuer unserer Kapelle. Mit dem Flugzeug ging es zunächst nach
Amsterdam und von dort aus über den großen Teich nach Chicago. Alle waren sehr gespannt,
was uns dort wohl erwarten würde.
Unsere erste Sorge war, wie kommt man mit jeder Menge riesiger
Instrumentenkoffer und Notenkisten durch den amerikanischen Zoll? Die Lösung war ganz
einfach. Die meisten Musiker reisten in der Tracht und dem Chef am Zoll, einem Schwarzen
mit fürchterlichem Südstaaten-Dialekt, war es nur wichtig, uns zu erzählen, dass er
schon mal in München auf dem Oktoberfest war und seitdem auch eine Lederhose besitzt.
Dann öffnete er ein großes Tor und wir waren eingereist.
Im Grayhound-Bus ging es dann zum Blue Lake Camp, unserem ersten Nachtquartier.
Auf dem Weg dorthin machten wir unsere nächste amerikanische Erfahrung, ein
Schnellfress-Laden namens Wendy´s. An der Selbstbedienungs-Theke begann bei jeder
Bestellung ein schier endloses Frage und Antwort Spiel über die Art und Größe der
Semmel, den Belag bis hin zur Soße und der Größe des Salatblattes. Erschwert wurde das
ganze noch dadurch, dass die Diskussionen in einer Sprache geführt werden mussten, die
mit Englisch fast nichts zu tun hatte. Manche machten es sich leicht und deuteten nur:
das gleiche wie der vor mir. Und zum Trinken gab es einen großen Becher mit
Eiswürfeln und etwas Cola drüber. Wir haben dann versucht, das Cola ohne Eis zu
bekommen, aber dafür wollten die dann gleich mehr Geld, denn Cola ist teurer als Eis.
Das Blue Lake Camp selbst erwies sich als eine riesige Ansammlung von weit
verstreuten, einfachen Hütten zum Schlafen und Üben und einigen großen Gebäuden für
Konzerte und Theateraufführungen. Alles zusammen wunderschön am Little Blue Lake
gelegen. Zu unserer großen Überraschung wartete im Camp ein Bieranhänger auf uns, weil
sich rumgesprochen hatte, dass Bayern gerne viel Bier trinken. Die Freude war riesengroß,
als man uns erklärte, dass das Bier von der Familie Greisinger, den damaligen Chefs der
Ammermühle, gestiftet worden war.
Die Zeit in Amerika verging wie im Fluge, wir hatten eine Reihe von Auftritten
in den verschiedensten Orten von Michigan. Egal, wo wir hinkamen, es war immer ein Hallo
und wir wurden überall mit viel Herzlichkeit aufgenommen. Wir haben noch viel Amerika
erlebt, sei es nun Lachse Fischen im Grand River, Baden im Lake Michigan, ein
Erntedank-Fest mit amerikanischem Festzug oder Frankenmouth, ein Dorf mit Fachwerkhäusern
und Blumenkäsen vor den Fenstern. Die Clown-Band ist eine Blaskapelle, die bei ihren
Auftritten immer genau so maskiert herumläuft, wie wir sonst nur am Faschings-Dienstag,
und genau so verrückt ist ihre Musik.
Schon auf der Heimreise war klar, dass dies nicht unsere letzte Amerika-Reise
gewesen ist. Mittlerweile haben wir den mittleren Westen der USA schon vier mal besucht.
Jedes mal haben wir wieder alte Freundschaften aufgefrischt und viele neue geschlossen.
Und natürlich haben wir viel erlebt. Wir haben Großstädte wie Chicago und Detroit
besucht, Nobel-Orte wie Harbour Springs oder die weiten Wälder hinauf nach Copper Harbor.
Wir machten Einsteigerkurse im Wasserski-Fahren und Golfen oder bestaunten die
Niagarafälle. Wir hinterließen unsere Spuren in riesigen Sand-Dühnen und wir lernten
eine neue Art geselliges Beisammensein.
Wir haben uns auch schon zweimal auf Tonträgern verewigt. Die erste Aufnahme
wurde 1991 im Fohlenhof-Saal gemacht, die zweite dann 1998 wesentlich professioneller im
Studio 80 in Bad Wörishofen, dem Studio,in dem auch Ernst Mosch zahlreiche Aufnahmen
eingespielt hatte.
Der bayrische Rundfunk überträgt am 11. Juli 1993 live die Sendung
Grüße aus Rottenbuch, Moderator ist Franz Messner, der während der Sendung
den Hörern unseren Dirigenten, Thomas Eiler, beschreibt wie einen, der ausschaut,
wie eine Mischung aus Heiligem Petrus und einem Wilderer.
Hohen Besuch bekam Rottenbuch 1993 von der Norwegischen Königin Sonja, die auf
einer Rundreise durch das Alpenvorland war und sich auch die Rottenbucher Kirche nicht
entgehen lassen wollte. Zusammen mit Bürgermeister Karl Echtler und Pfarrer Walter
Kronast haben wir die sympathische Monarchin musikalisch empfangen.
Ein großer Festtag war für die Musikkapelle der 31. Mai 1994. An diesem Tag
konnten wir nach einer Bauzeit von neun Monaten in unseren eigenen Proberaum einziehen.
Mit großzügiger Unterstützung der Gemeinde und sehr viel Eigenleistung haben wir das
Dach des Feuerwehrhauses zu einem richtig schönen Musikraum ausgebaut. Endlich haben wir
einen eigenen Raum, der nur von uns genutzt wird. Zuvor haben wir immer in der
Campingplatz-Gaststätte am Richterbichl, im Turnsaal der Schule oder noch davor im
Gasthaus Koch unsere Proben abgehalten.
Zur Zeit besteht unsere Kapelle aus 44 aktiven Musikerinnen und Musikern. 9
Jugendliche sind zur Zeit in Ausbildung und werden nach Ablegen des bronzenen
Leistungs-Abzeichen bei der Musikkapelle mitwirken. Der Musikunterricht wird
hauptsächlich von zwei ausgebildeten Musiklehrern durchgeführt. Zum einen bildet
Wolfgang Gräber die Blechbläser, wie Trompete, Tenorhorn und Tuba aus und begleitet sie
bis zum Musiker-Leistungsabzeichen. Zum anderen unterrichtet Heidi Wörle die Holzbläser,
wie Klarinette und Querflöte. Heidi Wörle dirigiert darüber hinaus auch noch das
Jugendorchester und bringt so unserem Nachwuchs das nötige Gespür für ein harmonisches
Zusammenspiel bei. Ihre Arbeit hat schon Früchte getragen, denn das Jugendorchester
erreichte beim Musikfest 2001 in Huglfing in der Konzertwertung Anfängerstufe einen
ausgezeichneten Erfolg.
Mindestens einmal wöchentlich wird für alle eine Probe im Musikraum abgehalten
und pro Jahr hat die Musikkapelle ca. 50 Auftritte. Darüber hinaus sind die Musiker auch
noch in einer Reihe von verschiedenen kleineren Gruppierungen zu hören, so z.B. als
Roattabuachar Bauramusi, sehr beliebt bei Hochzeiten und Tanzveranstaltungen, oder als
Kirchenbläser zu hohen kirchlichen Feiertagen, meist in Zusammenspiel mit dem
Kirchenchor, der Orgel und den Streichern. Die Tanzlmusi und die Weisenbläser sind auf
Volkstänzen und Volksmusik-Hoagart gern gehörte Musikgruppen, oder sie blasen der
Regierung von Oberbayern den Marsch.